Mischwald-Umbau — Bilanz nach den Dürre-Jahren
Borkenkäfer-Kalamität, Mischwald-Programme der Länder und kontroverse Baumarten-Auswahl — eine Zwischen-Bilanz des deutschen Forst-Umbaus.
Die deutschen Wälder befinden sich im größten Forst-Umbau seit der Wiederaufforstung der Nachkriegs-Zeit. Auslöser sind die Dürre-Sommer 2018 bis 2022 und die nachfolgende Borkenkäfer-Kalamität, die nach Schätzungen des Bundes-Landwirtschafts-Ministeriums über 200.000 Hektar Fichten-Fläche geschädigt hat — vor allem in den Mittelgebirgen, im Harz, im Sauerland und in Teilen Thüringens. Was dort steht — oder eben nicht mehr steht — ist heute Bühne für eine forstliche Grund-Entscheidung: zurück zu Mischwald-Beständen, die das Klima der kommenden 80 Jahre überstehen sollen.
Hintergrund: warum die Fichte stürzte
Die Fichte (Picea abies) dominierte die deutsche Forst-Kulisse, weil sie schnell wächst, gleichmäßiges Bau-Holz liefert und auf Kahlflächen-Aufforstung der 1950er und 1960er Jahre flächig eingebracht wurde. Außerhalb ihrer natürlichen Verbreitung — hoch-mittelgebirgisch und alpin — stand sie aber auf zu warmen, zu trockenen Standorten. Drei Dürre-Jahre in Folge schwächten die Bäume, die anschließenden Buchdrucker-Generationen (Ips typographus, drei bis vier Generationen pro warmem Sommer) räumten die geschwächten Bestände binnen 24 Monaten flächig ab. Die Folge: Kahl-Flächen, die forstwirtschaftlich, ökologisch und hydrologisch sofort beantwortet werden mussten.
Mischwald-Strategie der Länder
Die Bundes-Länder haben die Antwort programmatisch verankert. Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg fahren Mischwald-Förder-Programme, die zwischen 4.000 und 10.000 Euro pro Hektar Wiederbewaldung bewegen. Konzeptionell stützen sich diese Programme auf zwei lange diskutierte Modelle:
- Lübecker Modell — ursprünglich als „naturnaher Wald-Bau” entwickelt: Verzicht auf Kahl-Schlag, Vorrang für Naturverjüngung, Einzel-Stamm-Entnahme, lange Umtriebs-Zeiten.
- Stetig-Wald-Konzept (Dauer-Wald) — die Bestände bleiben dauerhaft geschlossen, werden ungleich-altrig geführt und über kontinuierliche Ziel-Stärken-Nutzung verjüngt.
Beide Konzepte sind nicht neu — sie sind 80 bis 120 Jahre alt — aber sie bekommen durch die aktuelle Krise eine neue Anwendungs-Breite. Die BfN-/BMEL-Adjazenz zeigt sich in der Förder-Architektur: Bundes-Forschungs-Ergebnisse fließen in die Länder-Richtlinien ein.
Baumarten-Auswahl: zwischen Konsens und Kontroverse
Im Konsens-Bereich der Forst-Wissenschaft stehen vier heimische Laub-Baumarten als Mischwald-Säulen:
- Stiel- und Trauben-Eiche — tiefwurzelnd, trockentolerant, hoher ökologischer Wert
- Hainbuche — Schatt-erträglich, gute Bodenpflege, geringer Standorts-Anspruch
- Winter-Linde — wärmetolerant, hohe Mast-Leistung, gutes Stamm-Holz
- Esskastanie — auf wärmeren Standorten zunehmend etabliert, alte mittelmeerische Verbreitung
Kontrovers diskutiert werden zwei nicht-heimische Optionen: die Douglasie, die als trockentolerante Nadel-Baumart hohe Zuwächse liefert, aber als „neophytisch” und ökologisch nicht voll integriert kritisiert wird, sowie die Roteiche, deren Streu schwer abgebaut wird und die heimische Eichen verdrängen kann. Die Naturschutz-Verbände argumentieren für strenge Anteils-Begrenzungen (in der Regel unter 20 Prozent pro Bestand), die Forst-Verwaltungen verteidigen die Klima-Optionen mit Risiko-Streuungs-Argumenten.
Pflanz-Praxis am Boden
Mischwald entsteht nicht am Schreibtisch, sondern in Pflanz-Verbänden und Hege-Plänen.
Drei Verfahren tragen die Praxis: Voranbau — Pflanzung der Ziel-Baumart unter den noch stehenden Alt-Bestand, was die Schatt-Klimax-Arten begünstigt. Naturverjüngung — Steuerung über vorhandene Samen-Bäume und Zaun-Schutz gegen Verbiss-Schäden. Aktive Pflanzung mit Verbands-Dichten zwischen 2.500 und 6.000 Pflanzen pro Hektar, je nach Baumart und Mischungs-Form. Begleitend wird die Wild-Bestands-Reduktion ausgehandelt — ohne sinkende Reh- und Rotwild-Dichten bleibt jeder Mischwald-Plan Theorie.
Aktuelle Zahlen — Stand 2026
Die laufende Bundes-Wald-Inventur (BWI) zeigt erste Verschiebungen: der Misch-Bestands-Anteil ist gegenüber der Vor-Inventur deutlich gestiegen, vor allem durch erzwungenen Bestands-Wechsel auf den Schad-Flächen. Reine Fichten-Bestände sind um zweistellige Prozent-Anteile zurück-gegangen. Die jungen Mischwald-Bestände sind aber überwiegend unter zehn Jahre alt — die forstwirtschaftliche und ökologische Bewährung steht damit erst am Anfang.
Bilanz
Der deutsche Forst-Umbau läuft, aber er ist weder abgeschlossen noch in seiner Wirkung gesichert. Was sich zeigt: die Forst-Verwaltungen handeln schneller und konzeptionell konsistenter als in den meisten Krisen-Phasen davor. Was offen bleibt: ob die heute gepflanzten Mischungs-Arten auf den Standorten der 2080er Jahre noch konkurrenz-fähig sind.
Der nächste Wald-Zustands-Bericht der Länder wird im Herbst erwartet — wir berichten in der Oktober-Ausgabe.